Institut der Kinder der Toten

Aktuelles

Haute Lecture – Die Expertinnen und Experten des Instituts der Kinder der Toten laden zur Herbstkollektion

FR 13.10 N. Nölle
Expertin für Sub- und unterische Kultur
DI 17.10 Dr. Susanne Lamm
Expertin für Ausgrabungen und Abtragungen
MI 18.10 Natascha Gangl
Expertin für den Día de los Muertos
DO 19.10 Präsident Zerbst
Experte für das Höhlengleichnis


Jeweils von 10:30-16:30 (13-14:00 Mittagspause) Ort: Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30
Wir freuen uns über Konstanten wie auch über ein Kommen und Gehen.

Lektüre meint nicht lediglich das fortlaufende, das den Zusammenhang verfolgende Lesen, es meint ein Lesen, das den Zusammenhang aufhebt, abnimmt, abklopft, begreift. Es meint Konstellationen. Lektüre meint nicht nur Lesen, es meint auch Übersetzen. Und es meint den Stoff gleich mit, bevor er Kostüm wird. Wir wollen in diesem Sinn lesen.

Kontakt:
Franziska Füchsl
bureaux@idkdt.de
06802474211

Seite 163 Zeile 31 bis Seite 170 Zeile fünf – 01.10 | Einbruch in einen gelesenen Wag[g]on

Partus der Kinder der Toten – ein Abend in Textbausteinen und Bildern

Das Land braucht oben viel Platz, damit seine seligen Geister über den Wassern ordentlich schweben können. An manchen Stellen gehts über dreitausend Meter weit hinauf. Soviel Natur ist auf dieses Land verwendet worden, daß es seinerseits, vielleicht um seine Schuld an die Natur zurückzuzahlen, mit seinen Menschen immer recht freigebig umgegangen ist und sie, kaum angebissen, auch schon wieder weggeworfen hat.

(...)

Einige der Gäste haben sich heute für einen Ausflug angemeldet. Sie wollen das Wildalpengebiet mit seinen Seen und das Schlößchen des Erzherzogs der Habsburger besichtigen, welcher damals die Postmeisterstochter aus Aussee geheiratet und das Land daraufhin wie ein Maulwurf umgegraben hat — es mußte doch, außer den Töchtern über der Erde, auch noch etwas Eisen für die Söhne unter der Erde übriggeblieben sein, das man zu Scharen von Pflügen oder Kanonen, beide wie immer einträchtig nebeneinander, verarbeiten konnte. Die Erde gab das Erz, und die Hammerherren aus der Mürzfurche und die Eisenherren aus Wien gaben ihr des Landes weiche Kinder, Futter für die Kanonen, wieder zurück.

(...)

Das Ungeheuer, das vor einem Monat ein Stück von der Straße seitlich abgebissen und in den Bach gespuckt hat, bekommt unerwartet eine Nachspeise serviert, die auch nicht viel genießbarer ist. Nur etwas Garnierung fehlt noch, doch halt, die liefern wir nach: diese blutige Wolljacke zum Beispiel macht sich gut, der heruntergerissene Schuh dort, ja, ein bißchen asymmetrisch, der zweite fehlt, der steckt noch an einem verdreckten, verdrehten Fuß.

(...)

Wie ein verspielter Hund, wollig und vorlaut, springt die Natur um ihre Gäste herum, umkreist sie, wirbelt sie durch die Luft, fängt sie nicht auf, weil ein anderes fliegendes Stöckchen mehr lockt; launisch legt die Natur auf dies und jenes ihre Pranken, läßt wieder los, ohne zu beachten, daß der Spielkamerad von ihr vollkommen zerquetscht, zerfetzt worden ist. Sie schnüffelt an den Stücken, heult ihr Lied ins Helle hinein, bis die Nacht kommt, und dann heult sie ein anderes Lied, tief aus der Kehle heraus. Natur! Raumgreifend sind ihre täppischen Sprünge, raumgreifend auch ihre Räumfahrzeuge, die bereits im Anrollen sind. Unaufhörlich entzücken solche menschengroßen Puppen, die hier herumgestreut sind, die Glieder gespreizt, die Münder reden keine Wörter mehr.

(...)

Schreiten wir zu Fuß weiter, in den Hochwald! Die Sonne hält uns eine Lampe ins Gesicht, wir glauben, das Helle vor uns wäre ein Spiegel, und schlagen mit dem Kopf heftig an den Stein, der wir selber sind. So stürzen wir ins Hochtal hinunter, die Hunde bellen, etwas faßt uns am Genick, aber sie nicht, das wollen sie uns für diesmal versichern.

Text: Elfriede Jelinek: „Die Kinder der Toten“ (1995), Prolog Fotos: Magdalena Holst, 2017

partus des instituts der kinder der toten fr 20:00 open end

präsentation der forschungsschwerpunkte
ausblick auf die begegnung der untoten
mit abschließendem wallfahrtssegen

in der lobby der kinder der toten
im und unter dem kesselhaus

Pflege- und Forschungspersonal

pepe

Franziska Füchsl

Expertin für oje
bureauxoje@idkdt.de

das Öck

Clemens Böckmann

Experte für das Vergessen
bureauxvergessen@idkdt.de

krankes etwas

Philipp Göttlich

Experte für Kynismus
bureauxkynismus@idkdt.de

Sara

Sara Pütter

Expertin für erste und letzte Sätze
bureauxsaetze@idkdt.de

Jenny

Jennifer Äckert

Expertin für Knochen und Spiel
bureauxknochenspiel@idkdt.de